02 Das Empfangende 坤 kūn

<< Click to Display Table of Contents >>

Navigation:  IChing > DE >

02 Das Empfangende 坤 kūn

Previous pageReturn to chapter overviewNext page

2. / KUN DAS EMPFANGENDE (DIE ERDE)

 

▬▬▬   ▬▬▬

▬▬▬   ▬▬▬

▬▬▬   ▬▬▬

▬▬▬   ▬▬▬

▬▬▬   ▬▬▬

▬▬▬   ▬▬▬

 

Die Verfasser erweitern das 'Jetzt' durch ein 'ES WERDE' *

 

Das Zeichen besteht aus lauter geteilten Strichen. Sein Bild ist die  Erde, befreit von allen Schlichen. Die geteilte Linie entspricht der rezeptiven Urkraft. Hingebung ist des Zeichens Haupteigenschaft. Schattig, weich und rezeptiv, das alles deutet stets darauf hin: die geteilte Linie entspricht der Urkraft des Yin.

 

Kun ist ganz das vollkommene Gegenstück zum Schöpferischen. Gegenstück wird aber nicht mit Gegensatz verglichen. Es ist keine Bekämpfung. Es ist Ergänzung. Reine Weiträumigkeit gegenüber zeitlicher Begrenzung. Himmel, Erde, Zeit und Raum, der Geist und die Natur; das Weiblich-Mütterliche gegenüber männlicher Bravour.

 

Zum Grundsatz dieses Gegenstücks lässt sich noch sagen: er dient sich aber, auf menschliche Verhältnisse übertragen, nicht nur in den Beziehungen zwischen Mann und Weib an, doch auch von Fürst und Minister, sowie Vater und dem Sohnemann; ja selbst in den einzelnen Menschen macht sich diese Zweiheit in dem Zusammensein von Geistigem und Sinnlichem breit. Dennoch kann nicht die Rede sein von einem eigentlichen Dualismus, auf Grund des zwischen beiden Teilen deutlichen Automatismus; zwar sind beide Teile gleichwertig, doch die Eigenschaft der Übergabe zeigt charakteristisch auch den Platz der Urkraft in der Stellungnahme. Führt das Schöpferische an, dann ist die Wirkung heilvoll und gibt es keinen wesentlichen Grund zum Groll.

 

Nur wenn sie nicht zufrieden ist mit ihrer Position, sich an des Schöpferischen Seite scharen will, dann ist der Lohn Böse, *  denn dann arbeitet sie verkehrt. Die Folge, Streit und Opposition, die das Schöpferische wehrt, und das Ergebnis wäre dann für beide Seiten unwirksam.

 

DAS URTEIL

 

Das Empfangende bewirkt erhabenes Gelingen, fördernd durch Beharrlichkeit wie Stuten sie erringen. Hat der Edle geradeheraus etwas zu unternehmen, und will er voraus, so geht er irre; doch folgt er nach, so findet er Leitung, anstelle von Schmach.

 

Fördernd ist es, unter Gleichgesinnten im Westen und im Süden Freunde zu finden. Im Osten und im Norden ist es zu erwarten, sich der Freunde zurzeit zu entraten. Ruhige Beharrlichkeit bringt Heil und ein >> ES WERDE <<, ist man in Harmonie mit dem grenzenlosen Dasein der Erde.

 

Die vier Grundrichtungen, die mit dem Schöpferischen verbunden, wurden auch als Bezeichnung des Empfangenden vorgefunden, da auch im Urteil des Empfangenden sich folgender Absatz zeigt, nämlich: >>Erhabenes Gelingen, fördernd durch Beharrlichkeit<<. Nur ist die Beharrlichkeit, mit der das Schöpferische agiert, beim Empfangenden näher definiert als die Beharrlichkeit einer Stute. Das Empfangende sucht stets von Minute zu Minute die räumliche Wirklichkeit aufzutischen gegenüber der geistigen Möglichkeit des Schöpferischen. Wird das Geistige dann räumlich, das Mögliche zur Gegenwart, dann immer durch eine einschränkende, individuelle Bestimmungsart. Da der Ausdruck 'Beharrlichkeit' da leider nicht genügt, ward als nähere Bestimmung 'einer Stute' zugefügt. Das Pferd gehört zur Erde wie der Drache zum Himmel, dargestellt vom Pegasus, dem Himmelsschimmel, und es symbolisiert durch seine Unermüdlichkeit in der Bewegung über die Ebene hin, der Erde Weiträumigkeit. Der Ausdruck > Stute < ist deshalb gewählt, weil die Stute muskelgestählt die Kraft und Schnelligkeit des Pferdes hochbeinig mit der Sanftheit und Hingebung der Kuh vereinigt. Nur da die Natur, auch wenn sie keine Sprünge macht, dem Wesen des Schöpferischen als ebenbürtig ist gedacht, ist sie imstande frei von allen Schlichen dessen Anregungen und Impulse zu verwirklichen.

 

Die Natur ist dem Wesen des Schöpferischen gewachsen. So kann sie die empfangenden Impulse weiterfaxen. Ihr Reichtum stellt sich darin dar, dass sie alle Wesen nährt. Ihre Größe verschönt, macht herrlich und verklärt. So schafft sie nicht nur in eigenen Reihen, doch für alles Lebendige, gutes Gedeihen.

 

Während das Schöpferische die Wesen zeugt, werden sie dagegen vom Empfangenden geboren. Auch Goethe hat sich mal über diesen Gedanken gebeugt und eine recht ähnliche Auffassung in folgenden Versen beschworen:

 

So schauet mit bescheidenem Blick

Der ewigen Weberin Meisterstück,

Wie ein Tritt tausend Fäden regt,

Ein Schlag tausend Verbindungen schlägt;

Die Schifflein hinüber herüber schießen

Die Fäden sich begegnend fließen;

Das hat sie nicht zusammengebettelt,

Sie hat's von Ewigkeit angezettelt,

Damit der ewige Meistermann

getrost den Einschlag werfen kann.

 

Auf allgemeine menschliche Verhältnisse übertragen, lässt sich über diesen Gedanken vor allem Folgendes sagen: Es handelt sich darum in seinem Schalten und Walten der Lage entsprechend sich zu verhalten. Man ist zzt. nicht in selbstständiger Stellung stetig, sondern man ist als Gehilfe tätig. Da gilt es, etwas zu leisten. Nicht führen zu wollen, dadurch verirrt man sich nur und bleibt vielleicht verschollen, sondern sich führen zu lassen, das ist die Aufgabe. Und wenn man es versteht, so weise wie ein Rabe, dem Schicksal  gegenüber sich hingebend zu verhalten, dann werden die Umstände sich günstig entfalten.

 

So findet man sicher eine entsprechende Leitung und gerät nicht als schlechtes Beispiel bis ins Titelbild der Zeitung. Der Edle lässt sich leiten, da er sich sonst verirrt. Er entnimmt den Verhältnissen, was von ihm verlangt wird. Er geht nicht blindlings voran und holt sich Unglück auf den Hals, doch folgt je nachdem dieser Weisung des Schicksals.

 

Da man etwas Leisten soll, bedarf man der Gehilfen, der Freunde und wo nötig der Hilfe der Sylphen, um so zurzeit der Arbeit und Anstrengung zu siegen, wenn die Gedanken, die ausgeführt werden sollen, schon festliegen. Die Zeit der Arbeit und Anstrengung, die immer immer näher rückt, wird durch den Westen und den Süden ausgedrückt. Denn der Süden und Westen ist das Symbol für den Ort, da das Empfangende für das Schöpferische arbeitet ~ wie die Natur im Sommer und im Herbst immerfort; und so wird aus diesem Umstand Folgendes abgeleitet: Wenn man dann nicht alle Kräfte zusammenfasst auf seinem Pfad, wird man nicht fertig mit der Arbeit, die man zu leisten hat. Darum bedeutet hier, auch wenn einen nicht viel verbindet, Freunde zu bekommen, eben dass man Leistung findet. Aber außer der Arbeit und Anstrengung gibt es auch eine Zeit des Planens und des Ordnens; da bedarf es der Einsamkeit. Der Osten symbolisiert den Ort in dieser Welt, da man die Aufträge von seinem Herrn erhält, und der Norden jenen Ort, der dazu verpflichtet, dass man dort in Würde vor Ort über das Geleistete berichtet. Da gilt es, allein und sachlich zu sein. In dieser heiligen Stunde gilt insgemein: nun muss man im Alleingang durch das große Wasser waten, muss sich zurzeit der Genossen entraten, damit nicht durch der Parteien Hass und Gunst die Reinheit getrübt wird oder sonstwie verschlunzt.

 

DAS BILD

 

Zustand der Erde ist die empfangende Hingebung. So trägt der Edle ohne Überhebung weiträumigen Wesens die Außenwelt, ohne dass er jedoch der Beeinflussung anderer verfällt.

 

Ebenso wie nur ein einziger Himmel existiert, im Weltenraum nur eine Erde zirkuliert. Während aber beim Himmel, an dessen Pforte man hier läutet, die Verdoppelung des Zeichens zeitliche Dauer bedeutet, bedeutet sie bei der Erde, die weit und breit gedeiht, die räumliche Ausdehnung und Festigkeit, mit der sie so buchstäblich  alles unter dem Himmelszelt, was da lebt und webt, trägt und erhält. Die Erde in ihrer Hingabe trägt deliziöse ohne Ausnahme Gut und Böse. So macht der Edle seinen Charakter gediegen, weiträumig und tragfähig für jede Art von Anliegen, sodass er Menschen, Dinge und jeden Schicksalsschlag, zu tragen bzw. zu ertragen vermag.

 

* (Vgl. 'DAS GOLDENE BUCH DES GOLDENEN ZEITALTERS', KERSTIN OLSEN)

 

* als ebenbürtig